Libbrich - ein gemeingefährliches Dressurpferd wird wieder sanft, neugierig und ausgeglichen

Libbrich … ein großes, elegantes und imposantes 12-jähriges, bis Klasse M ausgebildetes Dressurpferd der Rasse KWPN, mit einem sanften Blick, aber verängstigt ... ein Pferd in das ich mich vor fast zwei Jahren auf den ersten Blick verliebte und ohne lange zu zögern kaufte. Und so geschah es, dass er von Norddeutschland 700 Kilometer reiste, um bei mir in Luxemburg eine neue Bleibe zu finden.

Die Anfänge waren sehr schwierig ... Libbrich ließ mich nicht in seine Box kommen, ohne vor Angst in die Futterkrippe zu springen. Also blieb ich vor der Box hocken und wartete (lange) bis er von selbst zu mir kam.

Dann ging es daran mein liebes Pferd zu bürsten! Eine Prozedur für die ich viel Platz brauchte... da er mich nur bis zu seinem Hals kommen ließ, um sich dann vor Angst ungestüm gegen die Wand zu pressen (und mich fast zerquetschte, falls ich nicht schnell genug aus dem Weg kam).

Beim Reiten, ein in Deutschland und den Niederlanden dressurmäßig ausgebildetes Pferd, hatte Libbrich den Kopf so zusammengezogen, dass er sich in die Brust biss und keinen Schwung aus seiner Hinterhand entwickelt. Schritt und Trab waren eher ruckweise, ängstlich....vom Galopp braucht man gar nicht erst zu reden. Ah, eins war jedoch sicher, er präsentiert sich gut!! Für die Augen der Amateure ...

Was kann man über ein Pferd sagen, das vollkommen verkrampft ist, nicht vorwärts geht, und sich wie eine Maschine in Bewegung setzt sobald man aufgesessen hat? Ein Pferd, das beißt und mit den Hufen auf den Boden stampft wenn man es satteln möchte, obwohl sanft dabei vorgegangen wird? Ein Pferd, das in der Reithalle auf der Stelle stehen bleibt, sobald man es alleine frei laufen lässt? Ein Pferd, das nicht weiß was Spielen bedeutet? Ein Pferd, dass sich nicht wagt sich auf den Boden zu legen um sich im Sand zu wälzen?

Das war Libbrich, ein armes von Menschen traumatisiertes Pferd ... das ist alles ... Natürlich war mir klar, dass, als ich dieses Pferd kaufte, ich „einige Dinge“ ändern müsste, vor allem (bei der Arbeit unter dem Sattel) ihm erlauben vorwärts zu gehen und den Kopf fallen zu lassen. Jedoch ...

... nach wenigen Wochen begannen die Probleme. Aufgrund seiner bei mir neu gewonnenen Pseudo-Bewegungsfreiheit wurde Libbrich plötzlich unsicher und ängstlich. Alles war für ihn Furcht erregend: Das Passieren einer Türe, einer Ecke, einer Person, ein ungewohntes Geräusch ... vor Angst stieg er sogar zunehmend oft und gehorchte nicht mehr auf die Hilfen des Reiters (noch weniger als vorher), so dass ich mir vorkam wie ein Frosch auf einer Zündholzschachtel. Ich konnte oft nichts machen, außer warten (wenn es möglich war) oder vom Pferd fallen. 

Meine allerschlimmste Erfahrung: Nach getaner Arbeit in der Reithalle wollte ich mit Libbrich am langen Zügeln ins Gelände, in der Allee spazieren gehen, und das zum ersten Mal, nun war er ja bereits 7-8 Monate bei uns auf dem Hof. Doch ... es war nicht möglich die Umgebung des Clubs zu verlassen. Bei dem ersten Versuch sich vom Hof zu entfernen drehte er sich einfach um und weigerte sich weiterzugehen, aus Angst. Bei dem zweiten Versuch stieg er, drehte sich um, riss sich von den Zügeln los, und trabte bis zu dem Misthaufen am Ende des Parkplatzes. Dort wusste er nicht mehr wie es weiter geht, stieg also erneut, immer und immer wieder, bis ich mich nicht länger halten konnte und zwischen den geparkten Autos auf den Asphalt fiel. Glücklicherweise zog ich mir dabei mehr Angst als Schaden zu.

Trotz dieses Zwischenfalls glaubte ich an Libbrich und ließ nicht in meinen Bemühungen nach ihn zu verändern. Weiterhin auf die sanfte Tour, versuchte ich Libbrich zur „Vernunft“ zu bringen und sein Zutrauen zu gewinnen. Andere Reiterkollegen versuchten ebenfalls mir mit Rat und Tat zu helfen, jedoch ohne Erfolg. Bald war der Tag gekommen an dem ich keinerlei Vergnügen mehr hatte Libbrich zu reiten. Meine Furcht vor ihm war inzwischen so groß geworden, dass ich es nicht mehr wagte auf ihn zu steigen. Die Pferdeleute im Reitstall waren ähnlicher Meinung. Libbrich wurde als hoffnungsloser Fall abgestempelt. Man sagte ihm nach, er sei ein „gemeingefährliches Pferd ... man könne ihm nicht trauen ... ein hinterlistiges Pferd, usw.“ Die letzte Person die den Mut aufbrachte ihn zu reiten fiel leider gleichermaßen runter, wie viele andere vor ihr, die den Versuch starteten Libbrich zur Raison zu bringen. Sie ritt in der Reithalle an langen Zügeln. Als sie an einer Ecke im Schritt vorbeikam, ging Libbrich grundlos ab wie eine Rakete und bockte sie runter. Und das obwohl sie ihm weder etwas getan hatte und noch eine „Gefahrenquelle“ erkennbar war.

Trotz allem war ich davon überzeugt, dass es sich bei Libbrich um ein verängstigtes Pferd handelte, dem man Mut machen musste und dem das Selbstvertrauen fehlte. Ich war mir sicher, dass wenn man es nur irgendwie schaffen könnte sein Vertrauen zu gewinnen, wäre er in der Lage alles zu geben. Nur wie konnte man das anstellen?

Inzwischen war es soweit gekommen, dass ich die einzige Person war, die ohne Sorge Libbrichs Box betreten konnte und die sich ihm im Freien nähern konnte ohne dass er sofort die Flucht ergriff.

Und ich ... wurde zunehmend ratlos ... nach über einem Jahr der Bemühungen war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr weiter wusste. Ich fing sogar an, falls nicht schnellstens eine Lösung gefunden werden konnte, in Erwägung zu ziehen Libbrich zu verkaufen. Mein „Bébé“ verkaufen ... an dem ich hing ... an das ich mich so sehr gewöhnt hatte in der Zeit des gemeinsamen Lebens ... ihn, dem ich versprochen hatte, dass unsere Schicksale bis zum Ende verbunden bleiben würden ... Ich war verzweifelt. Gab es nicht doch irgendwie eine Lösung für uns?

Eines Tages, als ich mich gerade mit diesen Gedanken Beschäftigte (und der Zufall macht manchmal seine Sache sehr gut), stellte sich die „Pferdeflüsterin“ Kristin Zeller in unserem Reitstall vor. Wir diskutierten eine Weile über meine Probleme und ihre Methode. Auf keinen Fall wollte ich, dass bei meinem Pferd eine brutale Methode Anwendung fand (denn ich wusste ganz genau, dass ein erneutes „Zuammenknallen“ durch einen Profi Libbrichs Situation weder kurzfristig noch langfristig verbessern würde). Er war meiner Meinung nach in seinem Leben bereits genug unter Druck gesetzt worden. Nun war ich voller Hoffnung, denn Kristin sicherte mir zu, dass es bei ihrer Methode nicht um Druck oder Gewalt ginge (wie es leider oft noch in professionellen Ställen angewandt wird ...), sondern um die Psyche des Pferdes und seine Natur. Sie hatte eine ruhige Art und ich vertraute ihr. Wir verabredeten uns wenige Tage später und ... ich bin nicht enttäuscht worden.

Während des ersten gemeinsamen Treffens, als ich gerade mit „Librich“ in der Reithalle arbeitete, kam Kristin in die Halle. Libbrich ist beim Anblick dieser fremden Person sofort in Panik geraten und geflohen. Nach fast einer Stunde konnte Kristin sich dem Pferd schließlich vorsichtig nähern und es berühren, jedoch geschah dies noch unter dem größtem Mistrauen. Bei dem zweiten Treffen ging alles bereits viel schneller. Libbrich machte am Ende der Session einige Schritte auf Kristin zu und signalisierte Zutrauen. Nach weiteren drei bis vier Treffen mit Bodenarbeit (Join-Up, Doppellonge, Puppe auf seinem Rücken, verschiedene Leute mit erhobenen Händen in seiner Nähe und auf ihn zukommend, usw.) war es an mir in den Sattel zu steigen. Es kostete mich sehr große Überwindung. Ich  fühlte mich dabei ängstlich, wie eine Anfängerin die zum allerersten Mal auf einem Pferd sitzt. Kristin führte Libbrich an der Longe im Schritt in der Reithalle spazieren. Sie beobachtete dabei genau jedes seiner Körperausdrücke. Zu meinem Erstaunen blieb er ganz ruhig und gelassen.  Ab jetzt lag es an mir, nach all den negativen Erlebnissen, anzufangen endlich wieder Vertrauen in Libbrich zu bekommen.

In diesem Moment ist mir bewusst geworden, welch ein Glück es war, dass Kristin in unser Leben gekommen ist und wie sehr ich ihre Hilfe brauchte, um wieder auf Libbrich zu steigen. Es war auch in diesem Moment, als ich verstand, dass es Kristins Arbeit war, die (obwohl es so einfach aussah), in nur wenigen Sessions Libbrich das Vertrauen in sich selbst und in uns Menschen wiedergegeben hatte. Dank ihrer Hilfe hat Libbrich unglaublich schnell seine Angst hinter sich gelassen und verstanden, dass niemand ihm etwas Böses antun will ... Er hat seinen Platz bei uns, in der Mini-Herde gefunden und seine Rolle mit grossem Herzen gespielt. Der Beweis dafür ließ nicht lange auf sich warten. bereits an dem ersten Abend, an dem ich mich wieder auf Libbrichs Rücken gewagt hatte: Ein Kind tauchte plötzlich auf stürzte laufend in die Halle. Ich bereitete mich innerlich darauf vor, dass Libbrich gleich lospreschen und ich in hohem Bogen runterfallen würde ... doch Libbrich!? .... hat nicht einmal mit dem Ohr gezuckt. So sehr schien er uns in diesem Moment zu vertrauen. Kristin bestand somit ihre erste Herausforderung: Uns beiden, Libbrich und mir, einwenig Vertrauen und Mut zueinander wiederzugeben.

Von diesem Tag an ging es mit uns bergauf. Ich war entschlossen wieder in den Sattel zu steigen, selbst wenn es anfänglich nur für ein oder zwei Minuten sein würde. In der Folge jedes Mal etwas länger, gerade lange genug um mein Vertrauen in ihn und er in mich zu behalten und zu festigen. Jedes Mal forderte uns Kristin auf andere „Spiele“ mit ihm auszuprobieren, wie z.B. mehrmals hintereinander auf- und abzusteigen, mit ihm in der Halle zu spielen und ihn vielfältig zu beschäftigen. Zu meinem großen Erstaunen, fing Libbrich sogar an von sich aus an zu spielen, mit mir oder sogar allein in der Halle, wo er bisher ja nur stets wie angewurzelt dastand.

Am Ende eines Arbeitsmonats ist Kristin selbst in den Sattel gestiegen, um mit ihm zu „arbeiten“, mit langen Zügeln, was bisher immer große Angst beim diesem Pferd auslöste. Es ist erstaunlich was mit Geduld, Können, Verstand und Einfühlungsvermögen in die Psyche der Pferde zu erreichen ist!! Nach und nach hat Libbrich Vertrauen zu uns Menschen und zu sich selber wieder gefunden. Arbeiten sollte für ihn zu einem Vergnügen werden, einer seiner Gaben und nicht Zwang. Um das zu erreichen schuf Kristin zuerst eine Vertrauensbasis. Sie ermutigte seine Bewegung nach vorne, um nach und nach die dressurmäßige Arbeit wieder aufzunehmen. Jeder Arbeitstag wurde etwas länger und etwas mehr ausgedehnt. Es war als würde sie stets das Pferd bitten eine Aufgabe zu erfüllen, selbst wenn es nur darum ging an einer langen Seite etwas mehr Schwung zu zeigen. Gleichzeitig dankte sie Libbrich mit Lob für jede kleinste Bemühung seinerseits, ohne ihn jemals zu drängen oder unter Druck zu setzen. Kristin beendete die Session stets positiv, wenn sie spürte, dass Libbrichs Konzentration oder Engagement nachließ.

Nach 4-5 Monaten Training und Sorgfalt, im einem wöchentlichen Rhythmus mit Kristin, ist Libbrich heute in der Lage mit Freude zu arbeiten. Er macht große Fortschritte und ... viel mehr als jemals zuvor: Libbrich lässt sich nun gelassen auf dem Springplatz reiten (vor Kristins Training ritt ich niemals draußen sondern ausschließlich in der Halle), lässt sich problemlos in einem Pferdeanhänger transportieren, macht mit mir voller Neugier einen ausgedehnte Spaziergänge von über einer Stunde ohne dass er in irgendeinem Moment verunsichert ist, springt mit Kristin über Hindernisse, arbeitet gern mit Musik (seinem Geschmack entsprechend ausgesucht!), arbeitet sogar bei Nacht gelassen auf dem Außenplatz trotz „gefährlichen“ Schatten um ihn herum, bleibt ruhig bei wegfliegenden Enten, hat Gemeinsamkeiten mit einem weiblichen Lama und den Tieren im Stall gefunden, genießt ausgiebig gebürstet und massiert zu werden, einschließlich unter dem Schweif und in den Ohren, und lässt sich  schlussendlich nach der Arbeit zur Entspannung am langen Zügeln spazieren reiten als sei es das natürlichste auf der Welt! Alles das nur mit einer einfachen Trense. Noch erstaunlicher ist, dass Libbrich selbst beim ersten Ausritt (im Schritt) nicht ein einziges Mal versuchte kehrt zu machen, zu steigen oder nervös zu werden. Statt dessen schreitete er neugierig voran und ließ sich leicht nur mit einem Halfter zur Führung lenken (obwohl er zur Sicherheit die Trense auf hatte, falls etwas passieren sollte).

Die Fortschritte sind riesig und ich danke Kristin, die uns beiden, Libbrich und mir, die Freude an der gemeinsamen Arbeit wieder gegeben hat, und das Erleben von großen Augenblicken, einschließlich dem intensiven Schmusen nach getaner Arbeit, sein Kopf in meinen Armen ... Libbrich hat die Freude am Spielen wieder gefunden, wagt es Entscheidungen zu treffen, traut sich zu untersuchen was ihn neugierig macht und zu arbeiten. Sein Blick hat sich verändert. Er ist sanft, neugierig und schmeichelhaft geworden, sein vorher allgegenwärtiger Ausdruck der Angst ist verschwunden und gehört der Vergangenheit an. Und ich ... für mich ist Libbrich nun zu dem Pferd geworden, das ich in ihm glaubte zu sehen, in dem Augenblick als ich ihm zum ersten Mal begegnete.

Ein unvergessliches Erlebnis. Kristin ist eine außergewöhnliche Person, die einem Reiter, Pferdebesitzer oder Pferd enorm viel beibringen kann. Eine Person, die es auf einfühlsame Art versteht Pferden zuzuhören und ihre wirklichen, pferdischen Bedürfnisse erkennt, um ihnen das zu geben, was aus ihnen wirkliche Partner macht. Sie schafft es das zu erreichen, was wir manchmal nicht mehr zu hoffen wagen wenn Probleme sich anhäufen, trotz all der Pferdeerfahrung die man selbst meint zu besitzen.

Libbrich und ich danken Dir, Kristin, und wünschen Dir viel Erfolg auf dem Weg, den Du eingeschlagen hast.

 

Laurence & Libbrich

Luxemburg, November 2005